Manuskript (aufgeschaltet 1.2.2002)
|
|
Peter
Fuchs
Kein
Anschluß unter dieser Nummer oder Terror
ist wirklich blindwütig LA TERREUR
Blauer
Daumen – zuckst noch lang Nach
dem Schlag. Hast ihn verdient. So
erschauert vor dem Blutandrang Der
Marquis am Fuß der Guillotine.
Aufruhr
sammelt sich, und kalte Wut Reißt
die Adern aus dem Schlaf. Unterm
Nagel brennt gestautes Blut. Zeigt
Dir, wo der Hammer traf.
Durs Grünbein Zuvor
Das
Gedicht Grünbeins, das wie ein Motto, aber nicht als Motto über diesen
Reflexionen steht, bezeichnet äußerst konzise das Diskussionsfeld, in das
die folgenden Überlegungen eingebettet sind. Es gibt keine Erklärungen ab,
es formuliert keine Hypothesen, es beruft sich nicht auf die Gesellschaft,
es macht niemanden verantwortlich, und es bezieht sich auch nicht (außer
dadurch, daß es in den Monaten nach dem 11. September 2001 in der FAZ
abgedruckt wurde) auf ein konkretes historisches Ereignis. Es formuliert
nicht einmal oder nur in äußerster Ambiguität, was der Titel ansagt: La
Terreur. Im poetischen Geschehen wird Unvereinbares zusammengezogen, läuft
ein Vergleich durch, der nirgends sonst durchginge: der Schlag auf den
Daumen und die Guillotine, die Schreckensherrschaft der französischen
Revolution und das Heimwerker-Schicksal, das tiefste Grauen und die
Schmerzbagatelle – ein
Vergleich und eine Ballung extrem verschiedener Betroffenheiten in einem
einzigen dramatischen Ton. In
der Sprache der Theorie gesagt (die mit dieser Verdichtung nicht wetteifern
kann und will, weil sie auf eine andere Art von Verdichtung angelegt ist):
Es geht um einen intrikaten (und intrigierenden) Beobachter, um die, wie
Niklas Luhmann sagen würde, nur kunstförmig erreichbare unwahrscheinliche
Evidenz, die zum Terror (zur rupture,
wenn man Michel Foucault heranassoziieren will) Stellung bezieht, ohne
Stellung zu beziehen. Nur das begründet die Nähe zur Theorie, die so wenig
wie ein Gedicht einen Service zur Problembewältigung anbieten kann,
allenfalls und auf alle Fälle nur eine Dienstleistung zur
Problemkonstruktion. Am
Anfang aller Überlegungen nämlich zu dem, was Terror
besagen kann, wenn man über geläufige Einschätzungen hinauswill, steht
die überaus einfache Einsicht, daß Theorien so wenig wie Kunstwerke in der
Lage sind (und auch gar nicht zu diesem Zweck verfertigt werden), die
Geschichte – und was sich in ihr zu begeben scheint – zu erklären. Was
‚Geschichte‘ genannt wird, ist nichts weiter als die textförmige
Auswahl (und ganz genau: Produktion) von Ereignissen, über die geredet
wird, aus einer Unzahl von Ereignissen, bei denen geredet wurde, aber über
die nicht mehr geredet wird. Sie ist selbst ein Ergebnis von Theorien,
gleich, ob man Alltagstheorien oder hoch getriebene, universalistisch
ansetzende Abstraktionen wie die der neueren Systemtheorie vor Augen hat.
Geschichte ist nichts als ihre Beobachtung, nichts als vielleicht (aber auch
das ist schon Beobachtung) der superdichte, superopake Anfall von irgendwie
vermaschten Singularitäten, die – obwohl sie immer in der Gegenwart
spielen – sich der Zeit ausgesetzt finden, also auch der Evolution, die
per definitionem nicht beobachtet werden kann. Historie ist Konstruktion,
und wenn jemand das Bauprinzip, die Struktur der wirklich wirklichen
Geschichte zu ermitteln sucht (und nicht auf den Beobachter Acht hat),
verrennt er sich in einer kaum noch okkulten Ontologie. Er will die Antwort
auf ein „Was?“ und erhält die Auskunft „Das!“; er will wissen
„Warum?“, und die ewig infantile Replik lautet: „Darum!“ Niemand
geht schließlich un-instruiert in die Archive, und was immer in den
Archiven und Annalen verzeichnet ist, ist selbst und unausweichlich Resultat
von Instruktionen, die über die Auswahl des Vermeldenswerten entscheiden,
damit auch über das, was nicht überliefernswert erscheint. Die Geschichte
ist (und nichts ist selbstverständlicher) ein Phantasma von Beobachtern,
seien sie wissenschaftliche Beobachter oder das, was man klassisch die
Exekutoren des Phantasmas nennen könnte. Wenn
man das nachdrücklich festhalten kann, wird der Blick frei für die Frage,
wie die Beobachter, die den Terror beobachten, ihre Unterscheidungen
handhaben, und danach dann für die Frage, wie die Theorie der Systeme ihre
Unterscheidungen plaziert, wenn sie darüber berichten soll, was den Terror
macht.[1]
I
Daß
Menschen an ihnen zugefügter Gewalt sterben, grauenvoll sterben, in Massen
sterben, ist nichts Neues. Dieses Motiv ist dem, was wir Geschichte nennen,
unentwirrbar eingezwirbelt, unauflöslich einverfilzt. Das Attentat in New
York imponiert in dieser Hinsicht nicht sonderlich und fällt in den
Dimensionen der Massenmörderei, um die es in der Geschichte auch gehen
kann, nicht einmal auf. Auschwitz und Hiroshima warfen entsetzliche Tode in
ganz anderen Größenordnungen aus. Die Liste der hier zitierbaren
Ereignisse ist lang. Aber auch der bloße Hinweis darauf, daß am 11.
September an anderen Orten als in New York mehr Menschen an Gewalt, Hunger,
Armut und eigentlich leicht eindämmbaren Epidemien starben als an der
Stelle, die dann den Namen ground zero erhielt[2],
reicht aus, um Verwunderung über die massenmediale Auszeichnung genau
dieses Ereignisses zu erregen. Verwunderlich
ist nicht, daß diese Medien in der typischen Form der Selbst-Stimulierung
exzessive Berichterstattung trieben und die apokalyptische Symbolik der
Bilder nutzten, um das Ereignis als Mega-Ereignis zu inszenieren. Erstaunen
entzündet sich vielmehr daran, daß es zu einer Überhöhung (ja
Sakralisierung) des Anschlags zu einem welthistorischen, zu einem Globalitätsereignis
hatte kommen können. Die Weltgesellschaft wird gleichsam aufgefahren, um
die Wucht des Ereignisses zu bekräftigen.[3]
Der Angriff galt, so heißt es, der „größten aller globalen Mächte“.[4]
Es geht um Ost gegen West, um die Zivilisation gegen die Barbarei, um
Christentum gegen Islam, um Freiheit gegen das Mittelalter, um den „Kampf
der Kulturen“.[5]
Kurz: Es geht um alles und um alle. Dieser
Beobachtungstyp, der die Weltgesellschaftlichkeit und epochale Bedeutung des
Attentats hervorhebt, wird flankiert von der Vorstellung, daß individuelle
und kollektive Akteure die Konturen des Geschehens bestimmen, Finsterlinge
und Helden, rohe Kämpfer mit schlechten Waffen, feine Killermaschinen mit
allerfeinsten Waffen, Organisationen und Staaten, und letztlich immer: Völker
und Leute.[6]
Diese (soweit ich sehe, nirgends vermiedene) Strategie ist, wie
Systemtheoretiker sagen würden, allerdings auf der Beobachtungsebene erster
Ordnung angesiedelt. Sie nimmt kommunikativ konstruierte Zurechnungspunkte
als Tatsachen auf und baut daraus eine (wegen der Vielzahl der Leute
verwirrende) Beobachtungswelt. Sie sieht Leute und Aggregationen von Leuten
wie Dinge und versorgt sich so mit
Führung für immer weitere Kommunikation über Leute und Dinge, bestärkt
dadurch, daß dieses Zurechnungsmodell wie eine glatt geölte Maschinerie
reibungsfrei funktioniert. Diese Form der Beobachtung rastet in eine fungierende Ontologie ein. Sie ist, wenn man so will, ontologisch
düpierte Beobachtung, die in den auf dieser Ebene möglichen Analyse-
und Reflexionsmöglichkeiten nur noch auf Motive von Akteuren und auf
motivierte Konflikte zwischen Akteuren durchschließen kann in der Weise
einer nolens volens simplifizierenden Inferenz. Beide
Beobachtungstypen, die kaum getrennt vorkommen, generieren eine große Erzählung,
die von verschiedenen Erzählern und Kommentatoren unterschiedlich
interpunktiert wird, mit unterschiedlichen Spannungsbögen und Pointen
ausgestattet ist, aber Hintergrund der meisten Interpretationen bleibt, eine
Erzählung, die – wie man leicht zeigen könnte – mythologische
Strukturmomente aufgreift und realisiert, vor allem die des Endkampfes
zwischen Gut und Böse, zwischen den Mächten der Finsternis und den Mächten
des Lichtes. Die Beteiligung an diesem Erzählen ist kaum vermeidbar. Wer
spricht, wird einsortiert auf die eine oder andere Seite von der einen oder
anderen Seite. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich, heißt die biblisch
gewaltige (aber eben deswegen mythisch-mystische) Devise. Wenn
Beobachter erster Ordnung diese Szene aufziehen, wird versucht, Weltdeutungmacht durchzusetzen, der keine Begriffe darüber zu
Grunde liegen, wie man sich denn Gesellschaft unter den Bedingungen moderner
soziologischer Theoriebildung vorstellen könnte. Die Hegemonie der
Beobachtungsebene erster Ordnung in der Deutung der Ereignisse ist dem, was
wir über die Gesellschaft (und vor allem über soziale Systeme) wissen,
keineswegs angemessen. Sie ist nicht einmal der Form moderner Sozialität adäquat,
die ihre wesentlichen Strukturimpulse auf der Beobachtungsebene zweiter (gar
dritter) Ordnung gewinnt.[7] Analysen,
die sich dieser Komplexität anbequemen, sind freilich nicht ohne Umwege und
Abstraktionsärgernisse zu haben.
II
Die
soziologische Systemtheorie bezieht sich im wesentlichen auf
sinn-integrierte Systeme. Sie bezeichnet damit zwei Systemtypen, die sich
in der Form konditionierter Koproduktion wechselseitig ermöglichen,
nämlich bewußte und soziale Systeme.[8]
Für solche Systeme soll gelten, daß sie ihre elementaren Einheiten so
herstellen, daß aus ihnen weitere elementaren Einheiten desselben Typs
hergestellt werden können in einem Vernetzungswerk, das immer nur die
Produktion gleicher Elemente zuläßt. Dieses ‚Herstellen‘ (diese Autopoiesis)
ist wörtlich gemeint, insofern nicht angenommen wird, daß solche Einheiten
in der Welt herumliegen und durch ein solches System nur aufgegriffen und
miteinander verkettet (relationiert) werden. Das Bewußtsein produziert
seine Ereignisse (ob man sie nun Gedanken, Vorstellungen, Intentionen etc.
nennen will) selbst, es bezieht sie nicht irgendwoher, es ist, genau besehn,
diese Produktion, und dasselbe wird von sozialen Systemen gesagt: Sie sind
Systeme der Verfertigung von Kommunikationen aus Kommunikationen, die keinem
Weltvorrat an Kommunikationen entnommen werden, sondern nur in
Sozialsystemen, die Kommunikation machen,
vorkommen. Das
kann man feiner stellen, aber hier soll nur eine Konsequenz in den
Vordergrund gerückt werden, daß nämlich sinn-integrierte Systeme,
insofern sie autopoietische Systeme sind, zwar Körper irgendwie als
Umweltgegebenheiten voraussetzen, aber
keine Körper haben, keine res
extensa sind, die Raum einnehmen und besetzen könnten. Das Bewußtsein
läßt sich offenkundig nicht lokalisieren, es hat kein Gewicht, keine Höhe,
Breite, Tiefe, und wiederum wird man dasselbe von Sozialsystemen sagen müssen:
Sie haben keine Ausdehnung, keine Masse, sie unterliegen nicht der
Gravitation. Sie sind beide zeittechnisch operierende Konfigurationen und ebendeshalb: körperabhängige
Körperlosigkeiten. Damit
ist der Rahmen bezeichnet, innerhalb dessen die Problemkonstruktion
vorbereitet werden kann, die später auf das Problem Terror
bezogen werden soll:[9]
Sinnsysteme sind keine Körper, und: sie haben keinen direkten Körperkontakt;
sie müssen mithin ihren Körperbezug intern
konstruieren. Für das System des Bewußtseins dürften im Blick auf diese
Konstruktivität kaum Zweifel bestehen, ob man nun die klassische Körper/Leib-Unterscheidung
heranzieht, die modernere sex/gender-Differenz, die Phänomenologie,
insofern sie untersucht, wie der Körper dem Bewußtsein gegeben ist, oder
ob man sich einfach daran orientiert, daß das Bewußtsein nicht einmal das
Organ, ohne das es nicht gedacht werden kann (das Gehirn), wahrzunehmen oder
zu kontrollieren imstande ist, obwohl oder weil in diesem Organ die überhaupt
wahrgenommene Welt errechnet wird. Noch
deutlicher (oder jedenfalls für viele plausibler) liegen die Dinge bei
Sozialsystemen. Sie haben ersichtlich keinen Körper, keine Wahrnehmung.
Dies alles ist Umwelt, mit der das System intern zu rechnen hat. Es
unterscheidet sich in sich selbst vom Nicht-es-selbst, und es stößt in
diesem re-entry unvermeidbar auf Körper, schon deswegen, weil der Lärm,
den Kommunikation aufgreift und ordnet, gleichsam den Körpern entquillt,
die sprechen, schreiben, lesen, hören. Darauf bezogen, gibt es mehrere
Theoriestücke, die die Körperreferenz sozialer Systeme bearbeiten, zum
Beispiel das der (unglücklicherweise so genannten) zwischenmenschlichen Interpenetration[10],
das dem Umstand Rechnung trägt, daß Intimsysteme direkt auf Körper
verweisende Systeme sind, oder das der Ermittlung (Konstruktion) von
Mitteilenden, die ohne unmittelbar oder wenigstens mittelbare Beteiligung
von Körpern (als Zurechnungspunkten) kaum verstanden werden kann. Von
unmittelbarem Interesse für unser Generalthema ist aber die Theorie des symbiotischen Mechanismus.[11]
Sie bezieht sich auf die Funktionssysteme der Gesellschaft, also auf deren
primäre Differenzierung. Diese Systeme (wie etwa Wissenschaft, Wirtschaft,
Recht, Politik, Erziehung, Kunst, Religion) realisieren in der modernen
Gesellschaft Funktionsmonopole, und insofern sie (jedes für sich)
gesellschaftsweit operieren, handelt es sich um außerordentlich abstrakt
ansetzende Systeme, um, wie man sagen könnte, fungierende Abstraktionen, für
die Körper operativ unzugängliche Entlegenheiten sind, die im
System aus genau diesem Grunde als Realität
erscheinen.[12]
„Jede noch so unwahrscheinliche Ausdifferenzierung spezifischer
Funktionsbereiche muß auf die Tatsache rückbezogen bleiben, daß Menschen
in körperlicher Existenz zusammenleben, sich sehen, hören, berühren können.
Noch so geistvolle, fast immateriell gelenkte Systeme wie Wirtschaft oder
Recht oder Forschung können nicht ganz davon abheben. Sie mögen es auf
einen Schattenkuß reduzieren wie im Soulier de satin von Claudel; irgendwie
aber müssen sie die Kontrolle der Körperlichkeit in den Symbolismus ihrer
generalisierten Kommunikationsmedien einbeziehen.“[13] Die
somatogenen Symbole, die diesen Einbezug in der Kommunikation leisten,
arbeiten im Rahmen symbiotischer
Mechanismen. Es sind Absicherungs- oder Kontrollmechanismen, die – je
nach Funktionssystem – aspekthaft
Momente von Körperlichkeit aufgreifen. Die Wirtschaft sichert ihren Realitätsbezug
durch die (aktualisierbare) Referenz auf körperliche Bedürfnisse; die
Wissenschaft bedient sich (funktional äquivalent dazu) der Wahrnehmung von
Wahrnehmung; Intimsysteme rekurrieren beim Vorliegen des Absicherungsfalles
auf Sexualität; die Politik stützt ihr Medium Macht in der Symbolisierung
physischer Gewalt ab. Für
alle diese Fälle gilt, daß der Körperbezug einerseits im Kontext der
Ausdifferenzierung der Funktionssysteme eine entscheidende Rolle spielte,
aber dann mit zunehmender Abstraktion der Operationen in den Hintergrund rückt
und nur zur Bewältigung von Krisenlagen abgerufen wird. Die symbiotischen
Symbole werden dann in krisenmanagerialer
Funktion wahrgenommen.[14]
Mit ihrer Hilfe können die Systeme austesten, ob ihr Realitätszugang im
Blick auf jene Körperaspekte noch im Kontrollbereich liegt. Der ernste
Krisenfall tritt ein, wenn und insoweit die symbiotischen Symbole in prekären
Lagen nicht mehr greifen, wenn etwa die Wahrnehmung (als Letztreferenz zur
Entscheidung über wahr/unwahr) nicht überzeugt oder wenn das politische
System mit Drohmacht allein keine kollektiv bindenden Entscheidungen
durchsetzen kann und tatsächlich Panzer auffahren muß. Entscheidend
ist aber, daß die symbiotischen Symbole und der durch sie bezeichnete
Mechanismus eine zentrale evolutionäre Errungenschaft darstellen. Es sind Pazifizierungssymbole und Pazifizierungsmechanismen,
durch die die Störungen, die von Körpern ausgehen können, in gewisser
Weise domestiziert und in geordnete Bahnen gebracht werden. Das Altproblem,
wie soziale Ordnung angesichts der destruktiven Komplexitätsmöglichkeiten
von Körpern dennoch möglich sei, wird unter den Bedingungen funktionaler
Differenzierung in Richtung Symbiose
aufgelöst oder, wie man auch sagen könnte: Es wird weitgehend
virtualisiert. Im
Kontext dieser Pazifizierung bedient Gewalt sogar die eigentlich
friedensstiftende Funktion.
III
Physische
Gewalt als Mittel zur Drohung spielt eine Schlüsselrolle in der
Ausdifferenzierung des Funktionssystems Politik.[15]
Sie ist organisationsfähig,
insofern sie delegierbar ist, also die jeweilige Instanz der Macht (eben:
die Machthaber) abkoppelt von der Notwendigkeit, selbst Gewalt einsetzen zu
müssen.[16]
Sie kann ferner (wenn es gelungen ist, sie zu monopolisieren) als
„Erzwingungsapparat“ ausdifferenziert werden, der nicht ein für allemal
einen bestimmten Zweck durchzusetzen erlaubt, sondern für ganz
unterschiedliche politische Zwecke genutzt werden kann. Eben deshalb ist
Macht ein „generalisiertes Potential, ein generalisiertes Medium“.[17]
Der Erzwingungsapparat ist in diesem Sinne politisch konditionierbar, ohne
auf eine bestimmte Politik (auf die Durchsetzung bestimmter kollektiv
bindender Entscheidungen) festgelegt zu sein. Die Kehrseite dieser Politisierung physischer Gewalt ist (durch und durch klassisch) die Ermöglichung der Ausdifferenzierung von Funktionssystemen, die auf die Pazifizierung der (an Körper gebundenen) Destruktionsmöglichkeiten angewiesen sind. Weder Wissenschaft noch Wirtschaft, weder Kunst noch Erziehung, weder Familiensysteme noch Religion wären in ihrer modernen Form denkbar, wenn sie jedes für sich Erzwingungsapparate zur Durchsetzung ihrer Funktionspräferenzen entwickeln müßten. Es ist in ihnen (deswegen verfügen sie ja über eigene symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien) nicht möglich, durch die Androhung physischer Gewalt Wahrheit im Wege des Oktroi zu etablieren, Kaufbereitschaft zu erzwingen, zum Blick auf die Unbeobachtbarkeit der Welt mit Feuerwaffen zu nötigen, Bildung oder Lernfähigkeit in die Kinder hineinzuprügeln, wechselseitige Komplettbetreuung (Liebe) durch die Androhung von Mord zu erreichen oder den Glauben an metaphysische Instanzen herbeizubomben.[18] Eine
der Leistungen des Systems der Politik ist mithin die Bündelung der
Drohmacht, die auf physischer Gewalt beruht, derart, daß nirgends sonst mit
physischer Gewalt legitim gedroht werden kann.[19]
Es überführt damit unendliche Informationslasten, die im Blick auf
unkontrollierbare Gewalt durch Körper an Körpern und Dingen anfallen, in
endliche Informationslasten. Es reduziert Destruktionskomplexität, aber
wird in dieser Reduktionsleistung scharf irritiert im Moment, in dem religiös,
ethisch, anthropologisch motivierte Gewalt gegen Körper und Dinge außerhalb
der durch das Politiksystem gezogenen, es konstituierenden Systemgrenzen
auftritt.[20]
Dabei geht es nicht um physische Gewalt, die sozusagen als unausrottbare
Kriminalität erscheint (sie stört, wenn man so will, ordnungsgemäß und
wird ordnungsgemäß behandelt), auch nicht um kriegerische Gewalt zwischen
Staaten, sondern genau um jene Gewalt, die punktgenau das Gewaltmonopol des
politischen Systems unterläuft, weil
und insoweit sie nicht nicht entwaffnen
läßt, weil und insoweit sie in dieser Hinsicht keine konsensuell gedeckten
Verzichtleistungen erbringt.[21] Die
Androhung und der Einsatz von physischer Gewalt durch nicht
entwaffnungsbereite Gewaltanwender ist das, was vom politischen System aus
als Terror beobachtet wird. Das
Wort Terror bezeichnet nicht eine
Dysfunktionalität im politischen
System, sondern eine Umweltgegebenheit, die die Symbiose des Systems
irritiert. Damit läßt sich erklären, daß die Form und das Ergebnis
dieser Beobachtung (dieser Umweltkonstruktion) jenseits des Politiksystems
und jenseits der durch seine Leistungen weitgehend pazifizierten Sozialdomänen
keineswegs überzeugen muß, also Terrorismus auch als Freiheitskampf, als
ethisch geboten, als gottgewollt gedeutet werden kann.[22] Zugleich
wird es möglich zu sehen, daß Terror (konstruiert in der Systemreferenz
Politik) mit der Ausdifferenzierung dieses Systems, mit der Evolution des
Mediums Macht und seiner symbiotischen Symbole, schlagartig die Szene
betritt[23]:
als eine Beobachtungskategorie, die im Augenblick unvermeidbar wird, wenn
das Politiksystem Erzwingungsapparate zur Bündelung von Drohmacht ausprägt,
die auf der Möglichkeit und der Notwendigkeit basiert, allein
über die Anwendung physischer Gewalt disponieren zu können.[24] Aber
was ist das, was dieses ‚allein‘ so konterkariert, daß eigens eine
Beobachtungskategorie dieser Art entwickelt werden mußte?
IV
Die
Funktionssysteme differenzieren gesellschaftlich
aus. Sie sind (so wenig wie die Gesellschaft) an Territorien, an Staaten, an
Nationen oder Völkerschaften gebunden. Sie erreichen einen operativen
Abstraktionsgrad, der Staatsgrenzen, Sprachgrenzen, Organisationsgrenzen
glatt ignoriert, oder, wie noch genauer zu sagen wäre, weder ignoriert noch
nicht ignoriert, sondern einfach: durchkreuzt. Diese Systeme arbeiten quer
zu Sozialsystemen, die sonst noch in der Gesellschaft vorkommen. Ihre
Kommunikationsströme (ihre Vernetzung spezifischer Operationen)
‚durchfluten‘ die Gesellschaft, die sich nicht mehr stratifikatorisch
ordnet (durch die unentwegte Einrechnung eines Darüber/Darunter, durch
Hierarchie), sondern primär über die operativen Differenzen der
Funktionssysteme, die sich nicht hierarchisieren lassen. Damit
ist ein seltsames Problem verbunden. Systeme dieses Typs sind nicht nur
nicht lokalisierbar, sie prägen auch keine Identitätsstellen aus, keine
Orte, an denen sie ihrer selbst ansichtig würden und die deshalb geeignet wären,
sie gegenüber der Umwelt (oder gegenüber sich selbst) zu repräsentieren.
Theoretisch gesehen, handelt es sich um adressenlose Einheiten – ohne cor
et punctus.[25]
Man kann sich, heißt das, nicht an sie wenden. Kein Brief, kein Anruf, kein
e-mail, kein fax erreicht die
Wirtschaft, das Recht, die
Wissenschaft, die Politik, die
Kunst, die Erziehung, und auch nicht: die
Gesellschaft. Es
geht um Sozialsysteme, damit auch um Kommunikation, aber im Unterschied zur
alltäglichen Kommunikation findet sich kein Zurechnungspunkt, keine
Ansprechstelle, kein Ankerpunkt, an dem diese Systeme sozusagen befestigt wären.
Sie kommen als operative Vollzüge (eben: autopoietisch) zustande, aber
diese Operationen benennen keinen Operator, keinen Täter. Man könnte
deshalb von haltloser und namenloser
Kommunikation sprechen, der kein Subjekt untergelegt ist, das sich irgendwie
ermitteln oder konstruieren ließe – und das im Kontext der sozial
folgenreichsten Kommunikationssysteme. Dieser
Befund ist aber nur auf den ersten Blick erstaunlich, denn die
Systemtheorie, die hier zugrunde gelegt ist, geht ja grundsätzlich davon
aus, daß soziale Systeme (gleich welchen Typs) sich subjektfrei
reproduzieren. Dafür genau steht schließlich der Begriff Autopoiesis
ein. Kommunikation als elementare (operativ gewonnene) Einheit verfügt
nicht über Verankerungen, sie ist nicht an Subjekte gefesselt wie Ulysses
an den Schiffsmast. Sie hat kein Selbst, auf das sie sich beziehen könnte,
und sie ist deswegen nicht der klassische Fall eines selbstreferentiellen
Objektes, bei dem ein Etwas, eine Gegebenheit sich selbst in den Blick nimmt
(sich selbst benennt), sondern sie ist der nicht-klassische Fall der internen Konstruktion eines externen Gegenhaltes. Kommunikation
muß sich, folgt man Niklas Luhmann „ausflaggen“ als Handlung, genauer:
als Mitteilungshandlung.[26]
Sie ermittelt, sie errechnet von Moment zu Moment ‚Mitteilende‘ und
‚Mitteilungsakte‘, durch die sie sich selbst Führung verschafft und an
denen sie für die Umwelt registrabel wird. Sie ‚erscheint‘, wenn man so
sagen darf, als Handlung.[27]
Und insofern sie unter dem harten Diktat dieser Zurechnungs- und
Konstruktionsnotwendigkeit steht, ist sie auch ein Adressenstreuer
– sie sät, wo immer sie auftritt, mit ihrem Auftreten soziale Adressen
aus.[28]
Wo etwas gesagt, geschrieben, gelesen, gehört wird, sagt und liest, hört
und schreibt – jemand.[29]
Wenn Gott nicht geredet hätte, müßte es der Dornbusch getan haben. Das
eigentlich Erstaunliche ist mithin, daß Funktionssysteme (und das ist das
evolutionär Neuartige an ihnen) zwar denselben Simplifikationsmechanismus
bedienen (sie werfen adressable Segmente aus, z.B. Staaten, Organisationen,
Familien), aber selbst nicht
adressabel sind. Sie prozessieren allesamt folgenreiche Kommunikationen,
aber sind selbst nicht als Mitteilende konstruierbar. In einer etwas
anachronistischen Wendung: Sie sind niemals Partner von Kommunikation. Sie können,
so seltsam es klingt, selbst
nichts mitteilen, nichts vernehmen, und sie teilen dieses Schicksal mit der
Gesellschaft, die sich ausdifferenziert, indem die Funktionssysteme sich
ausdifferenzieren.[30]
Die zentralen Strukturgeber der Gesellschaft, heißt das, sind nicht
erreichbar.[31]
Es gibt keinen Anschluß unter dieser Nummer. Jede
Art von Kommunikation (wodurch immer sie motiviert sein mag), die sich an
diese im exakten Sinne anonyme Ebene richtet, trifft auf niemanden. Sie wird
entweder umgelenkt auf adressable Einheiten wie Organisationen, Staaten oder
Leute – oder sie verpufft, ist nichts als Lärm, der keinen Widerhall
findet. Sie ist – mangels Anschluß – nie gewesen. Wenn die Umlenkung
nicht akzeptiert und wenn (und wieder: aus welchen Gründen auch immer) die
Intention auf Kommunikation mit der Gesellschaft oder/und ihren
Funktionssystemen festgehalten wird, bleibt nur der Weg der Destruktion,
also die Erzeugung von Umweltereignissen, die als Aufbau destruktiver
Komplexität begriffen werden können, die dann (unkontrollierbare)
Kommunikationen in allen Systemen auslösen. Es geht dann um Vernichtung, um
Anihilation, um das, was in der Figur des Nihilismus im 19. Jahrhundert (und
auch in der ‚schwarzen Romantik‘) ein intellektuell-literarisches Präludium
hatte, oder anders gesagt: Es geht um einen Schlag ins Wasser. Terror
ist demnach der Ausdruck eines fundamentalen (extrem modernen)
Kommunikationsproblems.[32]
Etwas abenteuerlicher formuliert: Terror ist die Produktion von Mitteilungen
in der Form physischer Gewalt, die jemanden meinen, der nicht gemeint sein
kann. Er ist, sucht man dafür eine Metapher, blindwütig.
Der Schrecken, dessenthalben Terror ‚Terror‘ heißt, ist im genauesten
Sinne ausgelöst durch die Namenlosigkeit
seines Zugriffs. Er schlägt immer daneben, er kann deswegen nicht
enden. Und: Er ist, insofern er die primäre Form der Gesellschaft
ansteuert, eingebaut in das eigene Kommunikationsproblem, weil er selbst
keine Adresse hat. Auch an den Terror kann man nicht schreiben.
Danach
Terror
als Beobachtungskategorie des politischen Systems, durch die ein zentrales
Kommunikationsproblem der modernen Gesellschaft ausgezeichnet wird, das
durch die Form funktionaler Differenzierung in die Welt kommt – diese
Sichtweise ist alles andere als ermutigend. Texttechnisch (rhetorisch) würde
daraus folgen, daß die Analyse ‚ausklangsfrei‘ bliebe. Sie produziert
keine positive Schwebung, sie läuft auf ein schroffes Ende hinaus, und das
trotz der Ernsthaftigkeit des Themas. Andererseits kann man von Theorien
nicht erwarten, daß sie Handlungsanweisungen erteilen. Sie haben
(jedenfalls bei einigen Ansprüchen an Theorie) kein Manko etwa in dem
Sinne, daß sie nicht tun, was sie tun sollten, nämlich die Welt in
irgendeiner Hinsicht zu verbessern. Im Gegenteil: Eine der Bedingungen ihrer
Möglichkeit ist ihr Verzicht auf Spezifik. Ebendas meint ja: Abstraktion. Das
schließt jedoch nicht aus, daß Theorien verbindlich sein dürfen im Höflichkeitssinne
dieses Wortes. Die Wendung ‚intelligence service‘ drückt das sehr
deutlich aus. ‚Service‘ ist eine nicht erzwingbare Zusatzleistung, und
das wäre im hier diskutierten Fall ein Gesprächsangebot. Was also könnte
man auf die Frage, was es mit dem Terror auf sich hat und wie man ihm
beikommen könnte, theoretisch halbwegs gedeckt sagen?[33] Zunächst
und vor allem dies, daß man sich auf
ihn einzustellen hat. Er ist, wenn die Argumentation schlüssig war, an
die Form funktionaler Differenzierung gebunden und erst in zweiter Linie an,
sagen wir: dämonisches Bewußtsein. Ungeklärt ist die Frage, ob wir es mit
einem evolutionären Übergangsphänomen zu haben, das erlischt (oder eben
nicht), wenn diese Form ‚Perfektion‘ erreicht.[34]
Redet man aber von Evolution, hat man in jedem Fall lange Zeiträume vor
Augen, in denen es klug sein kann, mit dem Terror zu rechnen. Dieses
Sich-darauf-Einstellen, das würde bedeuten, die Einsicht wie eine Fahne zu
hissen, daß Terror nicht wegmoralisierbar
ist. Er ist nicht mit Dispositionen über Achtung und Mißachtung, auch
nicht mit emotionalen (gar patriotischen) Betroffenheitsbekundungen zu
erreichen. Es geht nicht um Moral, sondern um ein Kommunikationsproblem, das
sich in der Form gleichsam dispersiven Gewalteinsatzes ausdrückt. Weder
liegt ein Kampf der Kulturen noch einer der Zivilisationen vor. Dies alles
sind fungierende Simplifikationen, die sich in den Äußerungen der
Terroristen so gut eingeklebt haben wie in die der Leute, die den Terror
ausradieren wollen. Man kann diese Simplifikationen gut erklären, aber mit
dieser Erklärung das Spiel des Todes nicht stoppen. Wahrscheinlich
wäre etwas gewonnen, wenn man aus Überlegungen dieser Art folgern könnte,
daß sich ein professioneller Umgang
mit der Beobachtungskategorie des Terrors pflegen läßt. Ein Arzt wird die
Krebsgeschwulst, mit der sein Patient zu tun hat, nicht verfluchen,
besprechen, sie einem Exorzismus unterziehen. Er wird nicht in Moral machen.
Er wird auf Forschung setzen und im übrigen davon ausgehen, daß Leiden
unausrottbar ist. Ähnlich wird man sagen können, daß die Gesellschaft
zwar kein Patient, kein Klient ist, aber für Beobachter Dysfunktionalitäten
auswirft, die sich nicht wegdenken lassen. Das Problem ist nur, daß wir
viel weniger über die Gesellschaft wissen als über die Körper in ihrer
Umwelt, und: daß das wenige, was wir wissen, gesellschaftlich nicht bekannt
ist – aus systematischen Gründen nicht, die wieder mit der Form dieser
Gesellschaft zu tun haben. Durs
Grünbeins Gedicht trifft diese Zirkularität genau. Es baut keine sinnlosen
Hoffnungen auf, es baut keine Hoffnungen ab. Es bezeichnet keine
Heillosigkeit, aber auch nicht ein Heil. Es bezeichnet stattdessen – auf
seine Weise – , was der Fall ist.
[1] Ich danke meiner Arbeitsgruppe „Terror und Gesellschaft“ an der FH-Neubrandenburg, die am Zustandekommen der folgenden Überlegungen wesentliche Anteile hatte. [2] Ground Zero, das ist ein Titel, der nach Hiroshima und Nagasaki nur auf staunenerregende Weise vergeben werden konnte. [3] Vgl. für viele Baumann, Zygmunt, Ethische Leere, in: DIE ZEIT vom 20.9.2001. [4] Ebenda. [5] Joffe, Josef, In der Falle des Terrors, in: DIE ZEIT vom 20.9.2001. Huntington ist in dieser Apotheose des Terrors zum Weltereignis platterdings zo Tode zitiert worden. Erwähnenswert ist deshalb der Versuch, auf die Täter durchzurechnen als auf Leute, die sich der Gesellschaft (aber immer noch: der Gesellschaft) todessüchtig entziehen. Vgl. dazu Baydoun, Abbas, Der Tod ist die Botschaft, in derselben Ausgabe. [6] Siehe aber zu einer möglichen Auflösung dieser Differenz Baecker, D., Die Leute, in ders./Hüser, R./Stanitzek, G., Gelegenheit. Diebe. 3 x Deutsche Motive, Bielefeld 1991, S.81-99. [7] Vgl. dazu Fuchs, P., Das Weltbildhaus und die Siebensachen der Moderne, Drei sozialphilosophische Vorlesungen, Konstanz 2001. [8] Vgl. dazu umfangreicher Fuchs, P, Die Metapher des Systems, Studie zur allgemein leitenden Frage, wie sich der Tänzer vom Tanz unterscheiden lasse, Weilerswist 2001. [9] Zu diesem Verfahren der Systemtheorie vgl. Fuchs, P., Die Theorie der Systemtheorie – erkenntnistheoretisch, Ms. Meddewade 2001 (in Vorbereitung). [10] Vgl. dazu das Kapitel Interpenetration in Luhmann, N., Soziale Systeme, Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a.M. 1984. [11] Vgl. als Ausgangspunkt Luhmann, N., Symbiotische Mechanismen, in ders., Soziologische Aufklärung Bd.3, Opladen 1981, S.228-244. [12] Vgl. Luhmann, N., Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1990, S.231. [13] Luhmann, N., Soziale Systeme, a.a.O., S.337/338. [14] Man könnte meinen, daß Gefühle ebendiese Funktion im System des Bewußtseins haben. [15] Vgl. Luhmann, N., Die Politik der Gesellschaft (hrsg. von André Kieserling), Frankfurt a.M. 2000, S.55ff. [16] Insofern wirken Machthaber, die selbst mit Gewehren herumlaufen (oder wie Usama bin Laden sich meistens mit einer Kalaschnikow abbilden lassen), sofort atavistisch und verweisen gleichsam auf vorpolitische Zeiten, gleich, ob sie die modernsten Kommunikatinstechnologien einsetzen oder nicht. [17] Luhmann, a.a.O., S.56. [18] Die Ausnahmen imponieren vor dieser Normalitätserwartung in den Kernzonen funktionaler Differenzierung. [19] Man muß nicht eigens erwähnen, daß dies eine alte These ist, in deren Tradition besonders Max Weber hervorragt. [20] Der Versuch einer Definition von Terror durch die EU-Kommission im Sinne eines Vorschlags aus dem Artikel 3 des Entwurfs für ein Rahmenabkommen zum Kampf gegen den Terrorismus (hier zit. nach einer Ntv-Nachricht vom 19.Sept. 2001) plausibilisiert dies direkt: „1. Jeder Mitgliedsstaat ergreift geeignete Maßnahmen, um die folgenden Straftaten, festgelegt in nationalem Recht, absichtlich begangen von einem Einzelnen oder einer Gruppe gegen ein Land oder mehrere Länder, ihre Institutionen oder ihre Bevölkerung mit dem Ziel, die politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Strukturen zu bedrohen und stark zu beeinträchtigen oder zu zerstören, als terroristische Taten zu bestrafen: a) Mord; b) Körperverletzung; c) Entführung oder Geiselnahmen ... 2. Im Sinne des vorligenden Rahmenabkommens ist eine terroristische Gruppe eine strukturierte Vereinigung von mehr als zwei Personen, die für einen gewissen Zeitraum agiert und abgestimmt vorgeht, um terroristische Straftaten zu begehen, die im Paragraf 1, Punkt a) bis k) festgelegt sind.“ [21] Das Punktgenaue zeigt sich daran, daß kriminelle Organisationen (wie die Mafia oder die Drogenkartelle) nicht als terroristische Organisationen beschrieben werden. Es geht um Geld und Güter, nicht: um eine Gegendrohmacht. [22] Noch immer ist dieses Dilemma wundersam genau im Kleistschen Kohlhaas vorgeführt. [23] Diese Überlegung macht es noch einmal prüfungsbedürftig, ob die gewöhnlich aufgebotene Argumentation mit Vorformen des Terrorismus in Israel oder im Islam tatsächlich die Sache trifft oder nicht einfach nur die retrospektive Einordnung eines ganz anders gelagerten Phänomens in dieses Beobachtungsschema ist. [24] Die terreur als Schreckensherrschaft ist mithin nicht: Terror. Und auch darin liegt eine der Raffinessen des ganz oben zitierten Gedichtes. [25] Das schließt nicht aus, daß Reflexionsinstanzen entstehen wie etwa die Pädagogik im Blick auf Erziehung. Aber die Pädagogik repräsentiert nicht das System. Und sie ist selbst: adressenlos. [26] Vgl. dazu das Kapitel über Kommunikation in Luhmann, Soziale Systeme, a.a.O. [27] Und das ist der Ausgangspunkt jener Verkennung, die bis heute Handlungstheorie und Systemtheorie in eine mitunter erbitterte Opposition treibt. Es ist zugleich der Grund dafür, daß Sätze wie „Kommunikation kommuniziert“ einfach nicht eingängig sind. [28] Vgl. dazu Fuchs, P., Adressabilität als Grundbegriff der soziologischen Systemtheorie, in: Soziale Systeme, Jg.3, H1., 1997, S.57-79. [29] Nachdrücklich sei festgehalten, daß dies genau nicht in einem essentialistischen oder ontologischem Sinne gemeint ist, sondern nur als Ergebnis der Zurechnungskonventionen von Kommunikation. [30] Siehe noch einmal Fuchs, P., Die Metapher des Systems, a.a.O. [31] Vgl. Fuchs, P., Die Erreichbarkeit der Gesellschaft, Zur Konstruktion und Imagination gesellschaftlicher Einheit, Frankfurt a.M. 1992; ders., Intervention und Erfahrung, Frankfurt a.M. 1999. Im übrigen könnte man hier über die Substitution des Gottesbegriffes in funktional differenzierten Gesellschaften durch ebendiese Form nachdenken. [32] Dazu paßt, das physische Gewalt auch in anderen Zusammenhang auftritt, wenn Kommunikation nicht funktioniert, ob man nun an Trotz denkt, an gewaltbereite Jugendliche oder daran, daß jemand Geschirr an die Wand schmeißt, weil jemand anderer nicht versteht. [33] Konzilianz ist hier gemeint, die darin besteht, nun nicht dauernd zu sagen, daß es den Terror nicht gibt, der eine Zeichenkonstellation (eine Beobachtung) ist, die bestimmte Gewaltphänomene als Terror auszeichnet und andere Gewaltphänomene nicht. [34] Vgl. dazu Fuchs, P., Das Exerzitium funktionaler Differenzierung, Vorbereitende Überlegungen zu einem gewaltigen Forschungsprogramm, in: Rechtstheorie 29 (Huntington-Sonderheft), H.3/4, 1998, S.477-495. |